
1.758 Starter verwandeln das klare Wasser am Pier von Kona auf Big Island in ein brodelndes gefährliches Wasser. Und, ich Dani Weber mittendrin. Dieser Ironman Hawaii ist also mein Geburtstagsgeschenk zum 40sten. Die bunten Fische, die sich sonst munter tummeln, haben sich alle verzogen. Stattdessen fordern jetzt fliegende Arme, tretende Beine meine Aufmerksamkeit.
Die Körper orientierungsloser Schwimmer kreuzen vor meinem Kopf und fordern eiserne Nerven und geschickte Ausweichmanöver um die 3,8 km Schwimmstrecke zu absolvieren. 1,9 km raus aufs Meer ins weite Nichts und wieder zurück. Zur Orientierung dienen einzig die Hotelkomplexe am Ufer und und Palmen. Die leicht schaukelnden Wogen zeigen sich freundlich mild, kaum Wind. Verwundert kämpfe ich zum ersten Mal mit Wadenkrämpfen im Wettkampf. Endlich am Schwimmaustieg kämpft ein Probant so brutal um den Vortritt, dass ich die Beherrschung verliere und ihm einen Fausthieb versetzte.
Aggressionen bringen aus dem Konzept, lerne ich dabei: Nervös suche ich in der Wechselzzone meinen Kleiderbeutel. Der Wechsel auf das Rennrad ging flüssig vonstatten. Dennoch: "Nie wieder reizen lassen!", schwöre ich mir auf dem Rad als Karawanen an Radler an mir vorbeiziehen.
Die ersten 45 Meilen werde ich permanent überholt und das zerrt an meinen Nerven. Dann kehrt langsam die Kraft in meine Beine zurück. Trotz Gegenwind gehört die Überholspur bis km 168 meist mir. Schwarzbraune Lavafelder, der Boden sieht aus wie von Mammutschaufeln umgepflügt. Ich find die Landschaft aufregend und exotisch. Der endlose Highway, der wie ein Teppichläufer in der Landschaft liegt. Die weißen Schlangen der Längsstreifen, die in die Bodenwellen hinabstürzen. Nur um gleich wieder auf der Gegenwand hinaus zu kriechen und Dir Deine Kraft zu rauben. Abwechslung kommt in die Monotonie kurz vorm Wendepunkt. Da sind Sie die Cracks. Ich erkenne Norman Stadler in alleiniger Führung und schreie das, was mir einfällt. "Geil, Norman, so geil!" Wie Ritter auf Ihren Stahlrössern fliegen auch Mika Luoto und Alex Taubert vorbei. Aufgeregt feuere ich sie an. Bei den Frauen erkenne ich Nina Kraft und freue mich für sie. Nina, "Bleib stark!", eine deutsche Frau auf Platz eins, wäre Chefsache. Der Gegenwind kommt und ist so laut, dass Du gegen ihn anbrüllen musst. In Böen zerrt er an Deinem Rad und versetzt Dich mit einem Schlag 10 Zentimeter auf die Seite. Ich ducke mich weg und stelle mir vor, er weht durch ein großes Loch in meinem Bauch. Wie wahnsinnig beginne ich zu lachen und schreie: "Wind weh ruhig, denn Du kannst mir nichts!"
Und dann?? Überholt mich ein Radler, schert nach 6 Metern ein. Das Motorrad der Streckenkontrolle stoppt mich. Penalty, Zeitstrafe wegen Windschattenfahrens. 2 Frauen schnauzen mich derb an und sie malen einen roter Querstrich auf die Startnummer. Fassungslos fahre ich weiter. Die holen Dich vom Rad, wenn Du ohnehin betend und halb im Dilirium Deine Kurbel trittst. Mögen Sie keine Frauen oder stört sie das GER für Germany auf der Startnummer? Demoralisiert versuche ich die drei Minuten im Strafzelt sinnvoll zu nutzen. Trinke, schlürfe Gel, mache Stretching. In bestem Englisch schimpfe ich meine Meinung in die mitleidigen Gesichter der Schiedsrichter und heule vor Wut. Der schwarze Kreuzstrich kommt auf die Nummer. Zeitstrafe abgebüsst. Five, Three, Zero, 926. Go ahead.

Die Wechselzonen sind ein Highlight. Um mich kümmern sich rührend 2 Volonteers, reichen die Tüte, platzieren meine Laufschuhe vor meinen Füssen, bieten mir Creme an. Ich sitze auf der Bank, sehe auf meine Sportschuhe extraleicht herunter. Fühle wie erschöpft ich bin, überlege, ob ich einfach in der Wechselzone bleibe. Schluchzend stehe ich auf und weiß, ich muß da hinaus, noch einen ganzen Marathon laufen. "Zweiundvierzig, Komma einhundertfünfundneunzig Kilometer"
"Ach was, in Frankfurt 2002 ging es mir die ersten 16 Kilometer auch schlecht!" kontere ich und setze mich in Bewegung.
Die nächsten 10 Meilen werde ich nie vergessen. Tränen der Erschöpfung laufen über mein Gesicht, ich schluchze hemmungslos während ich qualvoll renne. Wie ein Kälteschauer weht es durch mein Herz und ich habe das Gefühl in einem Alptraum aufzuwachen. Was mache ich da? Wiese habe ich mir diese Tortur zugemutet?
Die vielen Zuschauer trösten mich. Sie rufen meine Nummer und ermuntern mich, jubeln mir zu. Christine vom TIMEX Team tanzt plötzlich um mich herum feuert mich an: "Come on Dani, you do it. Keep on moving. Go ahead!!”, Einen Klaps auf den Rücken. Ein Versprechen erreicht meine Ohren: Das ganze Verkaufs-Team würde vorm Umkehrpunkt am Energy Lab auf uns Läufer warten. "We will be there. We wate for you, DÄNI-ÄLLAH!”
Frostschauer kriechen mir über den Rücken, meine Beine gehorchen mir nicht. Ich friere bei 42 Grad auf dem schwarzen Asphalt. Der Arzt an der Verpflegungsstation fragt mich, wie es mir geht und ich sag’s ihm. "Heat Stroke" bellt er, ich soll das Medical Tent, das Medizinzelt in Kona ansteuern. "What can I do?" Ich erfrage mir Gegenmittel und filtere für mich aus: Drink Water. Ein Hitzeschlag und Dehydrierung, der Körper kann nicht mehr Schwitzen um sich zu kühlen, daher ziehen sich die Poren zu: Gänsehaut. Das blaue Banner von meinem Reiseveranstalter Hannes Hawaii Tours sticht mir ins Auge. Es ist das Appartementhaus, wo ich wohne. Einfach nur rechts abbiegen, verstecken und alles ist vorbei ....denke ich und ...
... laufe weiter. Schweinehund, so plump kriegst Du mich nicht! Ich wünsche mir zu kollabieren, damit sie mich offensichtlich mit einer Bahre abtransportieren. Ich denke an die großartige Paula Newby-Fraser, als sie in Frankfurt trotz Kollaps das Rennen beendet. Bravo, Paula. Du bist jetzt mein Vorbild.
Angekommen auf Höhe des Medizinzelt sind sie alle da. Einer nach dem anderen tauchen die Gesichter meiner Freunde vor meinem geistigen Auge auf wie kleine Fata Morganas. Meine Sponsoren daheim, die Leute von Timex auf der Strecke, das Cannondale Team, mein neues blaues Race Bike. Keine Chance mehr auf irgendeine Platzierung. Ausgerechnet bei der WM muß ich diesen brutalen Einbruch haben. Niedergeschlagenheit ergreift mich, ich schäme mich. Ich kann doch nicht nach Hause kommen ohne Medaille. Und dann: Die Entscheidung fällt. Sie fällt wie ein Fallbeil auf Mister Schweinehund’s Hals und haut ihm den Kopf ab! "Bitte Gott: FINISHEN, nur ankommen. Das Zielfoto bringe ich heim und wenn ich die nächsten 30 Km gehen muß." Wieder ruft ein Zuschauer: "Stay strong, TIMEX 926, you are so awesome!" An jeder Trinkstation greife ich mir einen Becher, trinke ihn leer, nehme noch zwei mit. Irgendwie schaffe ich es raus aus der Stadt auf den Highway durch die Lava Felder. Gehen, Laufen, Trinken. Bananen und Gels. Vor allem auf die kleinen Brezeln mit Salz bin ich scharf. Stefan Holzner schiebt sein Fahrrad am Straßenrand. War der so schnell? Ausgestiegen. Ich habe Dir den Sieg so sehr gegönnt, Stefan.
I feel Sorry.
Und dann durch meinen Taumel hindurch ist da ein weißer Pick up Geländewagen mit einem Haufen Leute drauf: Christine und das ganze Marketing Team vom Chef zum Techniker schreien wie besessen als sie mich sehen. "DÄNI-ÄLLAH !!! See you in Kona at the Pier." Ich kann wieder lächeln, winke und sende Kussmäulchen. Die ersten Finisher, die Spitze kommen mir entgegen. Ich betrachte Ihre Gesichter, Ihre feuchten muskulösen Körper und fühle tiefe Bewunderung. Sie kämpfen vielleicht denselben Kampf wie ich, schießt mir durch den Kopf: " Zieh durch, Du bist klasse!" Laut schreie ich Ihre Namen in die Hitze, versuche die Läufer durch Ihre Trance hindurch zu erreichen. Die nächsten 2 Stunden sind kurzweilig, jede Menge Bekannte: Beppo Hilfiker, jetzt hast Du mich doch mal versägt! Hey, Trix, Daylight Finisher, Du schaffst es, oderrr? Maria Raether, meine regionale Messlatte in der Altersklasse 40 läuft locker vorbei: " Hau noch rein, Dani!" Können vor Lachen, Maria!

Denis,, Matze, Jan Sibbersen, Steve Tarpinian und immer wieder gelb-schwarze Trikots. Timex Team Kollegen wir winken uns zu: "See y’a soon, Dani-ella. Jawohl Brian, bis dann, im Ziel. Mensch, wo ist denn mein Lieblingsheld Timo Bracht ? Die Hitze flimmert und das Auge sieht müde durch die Sonnenbrille in die unbebaute Weite der Steinwüste. Menschen laufen einzeln aufgereiht durch dieses Bild wie kleine verlorene Sterne. Die Verpflegungsstellen sind wie Oasen in der Wüste, die grünen Shirts der Crew werden zu Palmen. Erfrischungen, Gels, Gatorade, Wasser, Schwämme, aber warum Eiswürfel?? Ich beobachte den einen Meter neunzig vor mir, gut gebaut, wie er sich die Eiswürfel in die Hose schiebt?!? Hat der etwa während des Wettkampf eine Errek.. ?
Er heißt John, ist ziemlich k.o. heute und kühlt die Hauptschlagadern in den Lenden, an Handgelenken und Schlüsselbeinen. AHA. Zusammen mit John und Bob, ein Triathlon Pärchen passiere ich das Energy Lab. Es dämmert, kurz und schmerzlos verschwindet die Sonne in wenigen Minuten. Der Wendepunkt beschert mir meinen persönlichen Verpflegungsbeutel wie ein Weihnachtensgeschenk: Da ist ein Red Bull drin. Den Tipp habe ich von Jan Sibbersen: Red Bull Schorle. Mit Wasser verdünnt wird’s zum Wundermittel: Mir wachsen Flügel, die Dunkelheit tut mir gut, der Wendepunkt hinter mir und nur noch 12 Meilen nach Hause!! Plötzlich kann ich wieder laufen, meine Schrittlänge vergrößert sich, die Frequenz steigt, mein Kopf wird klar, meine Stimmung hebt sich. Nun spreche ich den anderen zu, muntere sie auf, wenn Sie mir mit Neon Leuchtschlangen um den Hals, entgegen kommen. Die Straßen sind wieder für Autos freigegeben. Ich sammle die Meilenschilder mit den Augen und fresse einen nach dem anderen. Noch eine Stunde und dann biege ich ein, in den legendären ALII DRIVE. Da stehen die Menschen, aufgereiht wie die schönste Perlenkette der Welt.
Sie schimmern in Ihren verschiedenen Hautfarben und Nationen, Ihre Augen glänzen wie poliert. Sie warten auf Ihre Lieben und schenken Dir eine große Portion von Ihrem Applaus. Ich bin diejenige, die diese Menschen bewundert und in diesem Moment liebe ich Sie aus vollem Herzen. Ihre Münder lachen Dich an und werfen akkustische Sahnebonbons. "YOU ARE AN REAL IRONMAN". "BRAVO DANIELA!" Woher wissen Sie meinen Namen? Extra nachgeschlagen haben Sie in den Starterlisten des Programms.
Nur noch 30 Meter und ich sehe das rießige Zieltor flankiert mit den Tribünen der Ehrengäste. Das Glücksgefühl wallte wie ein Morphium durch meine Adern und erinnert mich an den Moment als mein Sohn auf die Welt kam.
Ruhe, Frieden, himmlisches Glück und Stolz platzen wie ein Feuerwerk über meinem Kopf und beregnen mich. Ich lache mit den Menschen. Klatsche unzählige Kinderhände ab. Fühle wie Ihre Eltern über meinen Kopf und Rücken streicheln. Der tosende Lärm der Menge erreicht wie durch Wattebäusche mein Gehör. Ich werde überholt, warte bis der Typ weg ist. Das ist mein Moment, den will ich ganz für mich haben.

In Gedanken nehme ich meine beiden Kinder an die Hände: Der letzte Schritt über die Linie, ein lautes Piepsen der Zeitmessuhren. Ich hebe meine Arme zum Himmel. 12 Stunden 23 Minuten 40 Sekunden lang auf dem Prüfstein von Hawaii’s eigenen Gesetzen. Durch den Tränenschleier sehe ich verschwommen meinen Ziel-Coach. Ich rieche den Duft des Lei-Kranzes und spüre die Kühle der samtigen Blütenblätter an meinem wund geriebenen Hals.
Ich falte meine Hände, sende ein Dankeschön ins Universum. Danke dem Gott, der mir diese Kraft gab.
Leise flüstere ich: Sie klatschen für uns. Für Fabian, Für Elena und Für mich.
Bussi Eure Mama.